Keine Ahnung warum ich gedacht habe, italienische Züge seien immer überfüllt und immer unpünktlich. Italienische Züge sind nämlich immer überfüllt (immer sitzt jemand auf dem resavierten Sitz eines anderen), aber italienische Züge sind äußerst pünktlich. Daher war auch das Umsteigen in Venedig/Mestre und Bologna kein Problem. Bei der Ankunft am Bahnhof von Ancona überkam uns erstmals das Gefühl von Urlaub. Statt 4 Grad wie in Wien, hatte 13 Grad – fast schon sommerliche Temperaturen. Aber auch das war nur ein temprorärer Zustand, denn wie die Kamerabilder beweisen, meinte es das Wetter nicht unbedingt gut mit uns – es wurde diesig und düster.
Mit dem Taxi um 12 Euro zum zwei Minuten entfernten Hafen – auch unsere erste Abzocke haben wir hinter uns.
Während Phileas Fogg von Brindisi direkt nach Ägypten gedampft ist, müssen wir einen Umweg wählen, denn eine direkte Schiffsverbindung zwischen Italien und Ägypten gibt es heute nicht mehr. Genau genommen gibt es gar keine Passagierschiffslinie von Europa nach Ägypten – die letzte wurde vor sechs Jahren eingestellt. Also fahren wir zunächst nach Patras in Griechenland und weiter mit dem Bus nach Piräus, dem Hafen von Athen. Von dort bringt uns eine zweite Fähre nach Rhodos, wo wir hoffentlich ein Boot finden, dass mit uns nach Alexandria segelt.
Bevor wir uns auf der Fähre einschiffen, müssen wir noch den Fußball unterschreiben lassen, den wir sozusagen als „Stempelbuch“ mitbekommen haben. Ein Hafenarbeiter, der die Seitenwand der „Hellenic Spirit“, unserer Fähre der Anek-Linie anstreicht, scheint der passende Kandidat dafür zu sein. Dass er ein Grieche mit dem Namen Jusuf ist, und in hier in Italien nur griechisch schreibt, stört nicht.
Auch hier heißt es schon beim Einsteigen: „Nicht filmen!“ – natürlich nicht, versichern wir. Und in der halben Stunde vor dem Ablegen in der Matthias die schönsten Seiten des Hafens bei wolkigem Himmel filmt, werden wir von den Anek-Mitarbeitern ignoriert.
Die Kabinen sind nicht größer als das Zugabteil des Liegewagens, allerdings ohne Stockbetten und mit Dusche und jeder Menge heißem Wasser. Ja, so eine Schiffsfahrt bietet echten Luxus und ein Abendessen um je 23 Euro. Herz, was willst du mehr!
Unsere erste Reisebekanntschaft heißt Reinhard. Er ist ein 53jähriger Fernfahrer, der seine Ukrainische Frau immer „nach Hause“ schickt, wenn sie „zu groß dran ist“. „Wenn sie sich das Rückfahrtsticket wieder erarbeitet hat in der Ukraine, darf sie wieder kommen.“ Seine Tochter geht in einer Handelsschule in Wien. Wenn er auf Tour ist, dann meist für 3, 4 Monate. In der Zeit hat er anscheinend wenig Ansprechpartner, denn der kleine, dicke Kärntner redet in einer Tour. Er erzählt von seiner Zeit in der Legion – „da hast du eine halbe Stunde Zeit um dich mit bloßen Händen einzugraben, dann ballern automatische Maschinengewehre 30 cm über den Boden, und wenn du tief genug bist, überlebst du!“, er erzählt von seiner Zeit im Gefängnis - „ich geh’ halt schnell in die Luft und dann knallt’s!“, er erzählt vom LKW-Fahren - „es macht heute keinen Spaß mehr“. Ob er sein Leben beim zweiten Mal anders gestalten würde, frag ich ihn. „Auf jeden Fall!“, meint er, „dann wäre ich Hubschrauberpilot oder Fallschirmspringer geworden.“ Ich würde Reinhard gerne morgen die selben Fragen noch einmal vor der Kamera stellen, aber er steigt schon um 9:00 Uhr aus. Aber ich weiß, es wird sich noch viele solcher oder ähnlicher Begegnungen geben.
Zum Schlafengehen noch ein kleiner Schock: die Kamera hat ständig das Band ausgeworfen. Als Matthias unsere Canon a1 auf den Kopf gestellt hat, ist ein Metallplättchen herausgefallen. Danach hat sie wieder funktioniert, wo das metallische Ding hergekommen ist, wissen wir nicht. Auch nicht, wie lange die Kamera ohne diese Dings funktioneren wird. Na dann, gute Nacht.
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