Samstag, 24. Mai 2008

Tag 37, 25. April 2008, Vientiane

Chum serviert anderen Passagieren schon das Frühstück, mein "Bett" will mich aber nicht wirklich loslassen. Der Schaffner baut die unteren Betten wieder zu zwei Sitzen um, aber wir essen unser Frühstück noch einen Stock höher im Liegen. Das Spiegelei mit Wurst und Café kostet 240 Baht (hier hat uns Chum eindeutig betrogen, aber wir lassen es ihm durchgehen). Da mein Bett keine Aussicht, i.e. Fenster hat, übersiedle ich schließlich nach unten, zur Freude des Schaffners, der sein Morgenwerk abschließen kann. Am Fenster ziehen Reisfelder, Wasserbüffel und vereinzelte Siedlungen vorbei. Alles vor einem weißen Himmel – auch hier gibt es kein Bilderbuchwetter für uns. Der Bahnhof von Nong Khai ist was er ist, eine einfach Station, nach der die Zuggleise enden. Draussen warten zehn Tuk Tuks – anders kommt man von hier nicht weg. Vier orange Mönche lächeln freundlich als in gebückter Haltung sitzende, unter dem Plastikdach des Tuk Tuks herausschauen und davon tuckern (daher „tuk tuk“? – aber klar! Eine Offenbarung durch die Mönche!).

Bevor wir ihnen nach fahren, bringt mich Chum zu einem Bankomaten in einem Einkaufszentrum – seine Lebensgeschichte in 8 englischen Wörtern („Me – wife – two babies – I work – they eat“) erweicht mein Herz so, dass ich ihm die 1000 Baht (20 Euro) für Essen, Bier und Café gerne gebe.

Der Tuk Tuk-Fahrer fragt uns, ob wir schon unser Visum für Laos haben und wir lügen ihn mit einem freundlichen „yes!“ ins Gesicht. Irgendwo habe ich aufgeschnappt, dass man an jeder Ecke hier Visas angedreht bekommt - zu lächerlich hohen Preisen - das offizielle Visum aber direkt an der Grenze kaufen kann. Und tatsächlich haben etliche Straßenshops auch „Laos Visa“ in ihrem Angebot ausgeschildert. Direkt am Thai-Grenzposten steigen wir aus dem Tuk Tuk. Nach der Passkontrolle gibt es einen Ticketschalter für den Bus (10 Baht/20 Cent) über die 1800 Meter lange Freundschaftsbrücke, die Thailand und Laos über den Mekong verbindet.

Beim Ausfüllen des Visumsantrags vor dem Immigrationschalter wird man in die Schulzeit zurück versetzt: in drei Reihen sitzen die Touristen und beantworten schwierige Fragen, wie „Adresse in Laos“ oder „Länder, die man vor der Einreise besucht hat (wie jetzt?!? Alle?), wobei der eine beim anderen abschreibt, wenn es um das Feld „Race“ geht. Dann zahlt man 1.500 Baht pro Person (30 Euro) oder 760.000 vietnamesische Dong und wartet eine halbe Stunde. In der Zwischenzeit spult man mit den Engländern, Australiern und Deutschen das übliche Frage-Antwort-Spiel ab: woher, wohin, wie lange schon, wie lange noch. Lustigerweise kommt die Frage nach dem Namen immer erst relativ spät, wenn überhaupt.

Mit unseren Reisefußball gelingt uns ein besonderer Coup – ein Grenzbeamter unterschreibt quasi im Namen beider Nationen im Zeichen der „Friendship Bridge“. Da sieht man wieder einmal, wie Fußball die Völker verbindet.

Mit dem Visum geht man dann durch die Grenzkontrolle ums Eck und steigt in ein Taxi in die 20 Kilometer entfernte Hauptstadt Vientiane. Über couchsurfing.com wurde mir das Taipan Hotel empfohlen und es stellt sich raus, dass es eines der besten in der Stadt ist, was auch den Preis von 80 Dollar für ein Doppelzimmer erklärt. Aber man leistet sich ja sonst nichts und nach den Zug- und Busorgien der letzten Tage darfs schon ein bisschen mehr sein. Und beim Essen am Ufer des wasserarmen Mekong kann man das Geld auch wieder reinholen. Der Fluss, der als der 10.längste der Welt gilt, füllt zur Zeit nur ein Drittel seines Flussbetts. Der Rest ist eine Sandfläche mit verstreuten Grasbüscheln und Farnen, ungefähr drei bis vier Meter über der braunen Wasseroberfläche des immer noch breiten Mekongs. In Zeiten in denen Schilling oder Lire schon weit zurückliegen, ist es ungewöhnlich mit einem 100.000er-Schein das Essen zu bezahlen, aber so viel kosten zwei riesige Nudelsuppentöpfe mit Rindfleisch samt Cola (ungef. 4 Euro) für Touristen.

Die „Esplanade“ von Vietiane ist das touristische Zentrum. Ein Restaurant neben dem anderen steht auf Stelzen am trockenen Ufer des Mekong und bietet Sitz- und Liegegelegenheiten mit Ausblick auf die Sandfläche, die im Spätsommer wieder völlig überflutet sein wird, und auf den Fluss, der jetzt nur entlang der anderen Uferseite fließt.

Matthias ergeht sich in Bildern aus dem Alltag der laotischen Restaurantbesitzer und bannt „Lichtspiel auf Ködel“ und „der Gurkenschneider“ auf Magnetband. Schon jetzt tut es mir um die Bilder leid, die es trotz ihrer Qualität nicht in unsere kurzen Beiträge schaffen werden. Auch von den Einstellungen von einem der unzähligen orange-goldenen Tempel werde ich nicht viele unterbringen. Als Zuschauer hat man ja keine Vorstellung, wo der größte Schmerz des Redakteurs liegt.

Eine Szene allerdings muss hinein – koste es was es wolle. Schon alleine deshalb, weil wir darüber schon in Wien fantasiert haben und wegen des enormen Einsatzes, den der Kameramann dafür zeigt. Wir nennen sie die „Vietnam-Szene“ (dass sie in Laos gedreht wird, entspricht alter Filmtradition). Dabei schleicht, robbt, kriecht ein völlig verschwitzter und verdreckter Kameramann mit seinem Arbeitsgerät im Anschlag durch den Schlamm und die scharfkantigen Schilfblätter am Ufer, während in unseren Köpfen Sequenzen aus diversen 80er-Kriegsfilmen ablaufen (ja, das ist vielleicht ein bisschen kindisch und sicherlich eher was für Jungs, aber es macht Spaß). Und Sgt. Trinkl weiß, dass er nur diese eine Chance hat: im vielgeschunden Streifenhemd suhlt er sich zur besseren Tarnung mit einem geflochtenen Korb auf dem Kopf in den braunen Ablagerungen des Mekongs, versinkt bei der Deckung der Nachhut bis zu den Oberschenkeln in Schlammpfützen und presst sich in den feuchten Boden, sodass auch das kleinste Rinnsal eine Chance hat eine braune Spur vom Kragen bis zum Hosenknopf zu hinterlassen. Ich verfolge den Hergang mit der kleinen Action-Cam. Fast noch beeindruckender als sein Einsatz ist nur die Schlammkruste, die sich an Matthias Armen ablagert und unter der Nachmittagssonne erstarrt. Jetzt sieht das Drehbuch die Säuberung im Mekong vor – die gelb-beigen Schlammblasen, die träge auf dem Wasser wobbeln rechtfertigen aber eine kleine Änderung und der brave Soldat rutscht nur die vier Meter die Sandkante hinunter ohne ins Wasser zu platschen. Und wenn wir schon mal da sind (also genauer, „wenn er schon mal da ist“), wird gleich weitergedreht: der Fischer in seinem Boot, der Sand, der in der Sonne glitzert, ein Schiff, das ins Landesinnere stromaufwärts fährt.

Sollten die Rezeptionisten in unserem Nobelhotel überrascht über den dreckigen Mann mit dem Bart und der Kamera gewesen sein, so haben sie es gut verborgen. Dass der selbe Herr eine halbe Stunde später duftend und blütenrein wieder mit der Kamera nach draussen schlapft, haben sie ebenso mit einem freundlichen Grinsen quittiert.

Die Sonne geht genau über dem Mekong unter, was wahrscheinlich so vom laotischen Touristenbüro eingerichtet wurde – plötzlich bekommen die Terrassen der Uferrestaurants einen ganz anderen Wert. Matthias filmt auch die äußerst gelenkigen Sepak Takraw Spieler, die Volleyball mit allen Körperteilen außer den Händen spielen. Respekt!

Beim Abendessen im Liegen mit Blick auf den Fluss quatscht uns unser Sitz/Liegenachbar an, ein dänischer Aussteiger mit irrem Blick, der wohl etwas zu viel gekifft hat und irgendwann den Absprung verpasst hat. Ja, auch zu viel Urlaubsfeeling kann gefährlich sein. "Don't trust anyone!" flüstert er.

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